{"id":1682,"date":"2015-11-20T11:48:12","date_gmt":"2015-11-20T10:48:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/?p=1682"},"modified":"2015-11-20T11:50:35","modified_gmt":"2015-11-20T10:50:35","slug":"interview-mit-dr-eva-becker-muell-archaeologin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/interview-mit-dr-eva-becker-muell-archaeologin\/","title":{"rendered":"Interview mit Dr. Eva Becker, M\u00fcll-Arch\u00e4ologin"},"content":{"rendered":"<p class=\"intro\">Wenn Arch\u00e4ologen wie Dr. Eva Becker auf Spurensuche gehen, ist das Objekt der Begierde nur in seltenen F\u00e4llen die Nofretete \u2013 h\u00f6chstens, wenn ein Sammler ein Modell davon gerade entsorgt hat. Denn Frau Becker aus Berlin ist Deutschlands einzige M\u00fcll-Arch\u00e4ologin. Ihr Blick in Abfallbeh\u00e4lter oder auf Deponien erfasst nicht nur das dort drin Entsorgte \u2013 sondern auch das, was darin fehlt. Mit RESORTI spricht sie \u00fcber Spektren ihres Schaffensfeldes.<\/p>\n<p>Nein, eine zweite Nofretete werde sie vermutlich nicht finden, leitet Frau Becker das Gespr\u00e4ch ein. \u201eAber einer meiner interessantesten Funde war ein indisches Relief in Berlin-Moabit\u201c, sagt sie. Das obere Bild zeigt den besonderen Fund (siehe dazu auch den Artikel &#8222;Gro\u00dfstadtalt\u00e4re&#8220;). Alle Links zu den im Interview angef\u00fchrten Artikeln auf Eva Beckers Blog finden Sie unter den weiterf\u00fchrenden Informationen!<\/p>\n<h2>Interview mit der einzigen M\u00fcll-Arch\u00e4ologin Deutschlands<\/h2>\n<p><strong>Guten Tag Frau Dr. Becker, vielen Dank f\u00fcr ein paar freie Minuten Ihrer Zeit. Wo befinden Sie sich gerade, und an welchem Projekt arbeiten Sie aktuell?<\/strong><\/p>\n<p>Aktuell bereite ich mich auf m\u00fcll-arch\u00e4ologische Workshops im Bildungsprogramm der Basar-Messe in Berlin vor und beobachte nach wie vor meine st\u00e4dtische Umgebung. Zurzeit habe ich einen Stromkasten im Fokus, an dem ich t\u00e4glich vorbeikomme.<\/p>\n<p>Seit ein paar Wochen werden dort permanent Dinge abgestellt, sodass sich t\u00e4glich, manchmal auch st\u00fcndlich das Arrangement \u00e4ndert. Sollte irgendwann dieser von mir so genannte &#8222;gedeckte Tisch&#8220; von der Stra\u00dfenreinigung abger\u00e4umt werden, werde ich eine Auswertung der Fotos vornehmen. Ich bin schon sehr gespannt, was sich so alles ver\u00e4ndert hat und ob sich vielleicht ein Muster erkennen l\u00e4sst.<\/p>\n<div id=\"attachment_1689\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1689\" class=\"size-full wp-image-1689\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/03-Resorti-Interview-Schuh-auf-Stromkasten-\u00a9-Eva-Becker.jpg\" alt=\"03-Resorti-Interview-Schuh auf Stromkasten \u00a9 Eva Becker\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/03-Resorti-Interview-Schuh-auf-Stromkasten-\u00a9-Eva-Becker.jpg 1000w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/03-Resorti-Interview-Schuh-auf-Stromkasten-\u00a9-Eva-Becker-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1689\" class=\"wp-caption-text\">Schuh auf einem Stromkasten, bereit abgeholt zu werden<\/p><\/div>\n<p><strong>Sie sind eine der wenigen, wenn nicht die einzige M\u00fcll-Arch\u00e4ologin Deutschlands. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Vorweg: Ich bin Arch\u00e4ologin. M\u00fcll-Arch\u00e4ologie gibt es in Deutschland nicht, es ist keine universit\u00e4re Disziplin, auch kein Teilgebiet.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren las ich das Buch &#8222;Nikolski&#8220; von Nicolas Dickner. Der Protagonist musste sich mit M\u00fcll-Arch\u00e4ologie besch\u00e4ftigen. Diese Disziplin innerhalb der Arch\u00e4ologie kannte ich nicht, sodass ich im Internet danach suchte.<\/p>\n<p>Ich entdeckte, dass in den 1970iger Jahren an einer Universit\u00e4t in Arizona ein Projekt initiiert wurde, das unter der Leitung von William Rathjes stand und sich mit den Hinterlassenschaften gegenw\u00e4rtigen M\u00fclls sowie den daraus abzuleitenden Resultaten besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p><strong>Welche Ergebnisse f\u00f6rderte das Projekt zu Tage?<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte gerne drei Ergebnisse nennen:<\/p>\n<ol>\n<li>Die amerikanischen M\u00fcll-Arch\u00e4ologen haben erkannt, dass Papier entgegen der landl\u00e4ufigen Meinung auf M\u00fclldeponien nicht zerf\u00e4llt, sondern eher die Tendenz hat, zu mumifizieren. Diese Tatsache h\u00e4ngt mit der Temperatur in der Deponie zusammen. Sobald die Temperatur in einer Deponie unter zw\u00f6lf Grad Celsius f\u00e4llt, stellt Papier seinen Verfallsprozess ein.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"2\">\n<li>Das nicht zerfallene Papier kam den amerikanischen M\u00fcll-Arch\u00e4ologen gerade recht, konnte man doch die mumifizierten Zeitungen oder Telefonb\u00fccher zur Datierung heranziehen. So erkannten die M\u00fcll-Arch\u00e4ologen zum zweiten, dass in einer Zeit, als es in Amerika hie\u00df, dass Rindfleisch knapp sei, die Menschen mehr Rindfleisch weggeworfen hatten, als in einer Zeit, in welcher Rindfleisch keine Mangelware war. Sie werden sich jetzt fragen, woran dies lag. Die Antwort ist sehr einfach: die Menschen haben gehamstert und dann die Vorr\u00e4te doch nicht gegessen, sondern irgendwann weggeworfen.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"3\">\n<li>Spannend fand ich auch die Zusammenarbeit mit einem Marktforschungsinstitut. Dieses hatte Bewohner eines Viertels bez\u00fcglich ihrer Essgewohnheiten um Auskunft gebeten. Die Menschen gaben mehrheitlich vor, sich sehr gesund mit Obst und Gem\u00fcse zu ern\u00e4hren. Dann schlug die Stunde der M\u00fcll-Arch\u00e4ologen, die sich die M\u00fclleimer der befragten Haushalte vornahmen. Und siehe da, das angegammelte Obst und Gem\u00fcse lag neben leeren Chipst\u00fcten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich denke, dass diese Beispiele sehr sch\u00f6n zeigen, wozu sich die Methoden der Arch\u00e4ologie einsetzen lassen, vor allem im Hier und Heute: Denn wo ist der Unterschied zwischen einem Artefakt, welches vor 2.000 Jahren weggeworfen wurde und einem Artefakt, das erst gestern seinen Platz auf der Stra\u00dfe fand?<\/p>\n<div id=\"attachment_1725\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1725\" class=\"size-full wp-image-1725\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/05-Resorti-Interview-Kleidercontainer-\u00a9-Eva-Becker.jpg\" alt=\"05-Resorti-Interview-Kleidercontainer \u00a9 Eva Becker\" width=\"1000\" height=\"443\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/05-Resorti-Interview-Kleidercontainer-\u00a9-Eva-Becker.jpg 1000w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/05-Resorti-Interview-Kleidercontainer-\u00a9-Eva-Becker-600x266.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1725\" class=\"wp-caption-text\">Kleidercontainer<\/p><\/div>\n<p><strong>Wie grenzen Sie den Begriff &#8222;M\u00fcll&#8220; dabei f\u00fcr sich ab? Z\u00e4hlen auch Dinge dazu, die wir in <\/strong><a href=\"https:\/\/www.resorti.de\/umwelt-und-sicherheit\/altkleidercontainer\/\"><strong>Altkleidercontainer<\/strong><\/a><strong> oder <\/strong><a href=\"https:\/\/www.resorti.de\/abfallbehaelter-und-ascher\/ascher\/tischascher-aschenbecher\/\"><strong>Aschenbecher<\/strong><\/a><strong> entsorgen?<\/strong><\/p>\n<p>Da w\u00fcrde ich eine Pr\u00e4zisierung vornhemen. Der (Alt-)Kleidercontainer dient dazu, dass ich mich von Dingen trenne, die mir vielleicht nicht mehr gefallen, nicht mehr modisch, zu klein oder zu gro\u00df geworden sind. Diese Dinge werfe ich im Sinne von wertlos gewordenen Dingen nicht weg, sondern gebe sie weiter, weshalb ich die Bezeichnung &#8222;Altkleidercontainer&#8220; f\u00fcr nicht angebracht halte. Mir gef\u00e4llt das Wort &#8222;Kleidercontainer&#8220; besser. Was durch die Container-Betreiber jeweils daraus gemacht wird, ist eine andere Sache.<\/p>\n<p>Anders der Aschenbecher. Dieser oft durchgestylte Gegenstand ist nur dazu da, etwas wirklich wertlos Gewordenes in sich aufzunehmen, vor allem im h\u00e4uslichen Umfeld. Brednikova und Tka\u010d formulieren in dem Kapitel <em>Die Orte des M\u00fclls<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Der streng abgesonderte M\u00fcllplatz, einschlie\u00dflich des Abfalls in festen Beh\u00e4ltern, definiert das umliegende Territorium als sauber. Weshalb das Unsaubere, wenn es schon sichtbar ist, wenigstens pr\u00e4sentabel sein mu\u00df. Aschenbecher, <a href=\"https:\/\/www.resorti.de\/abfallbehaelter\/\">Abfallbeh\u00e4lter<\/a>, M\u00fclleimer &#8211; das sind integrale Bestandteile st\u00e4dtischen Wohnungsinterieurs und Beh\u00f6rdenmobiliars.&#8220;<\/p>\n<p>[Ol&#8217;ga Brednikov, Ol&#8217;ga Tka\u010d, &#8222;Schmutziges&#8220; Dorf und &#8222;verm\u00fcllte&#8220; Stadt : Ein Beitrag zur Anthropologie des M\u00fclls, in: Berliner Debatte Initial 15 (2004) 1, S. 107-114]<\/p><\/blockquote>\n<p>Mich interessiert, wie Menschen sich ihrer Zigarettenkippen in &#8222;freier Wildbahn&#8220; entledigen. (<em>Anm. d. Red.<\/em> siehe dazu auch Frau Beckers Artikel &#8222;R\u00e4ucherwerk&#8220;).<\/p>\n<h2>Was macht eine M\u00fcll-Arch\u00e4ologin alles?<\/h2>\n<div id=\"attachment_1692\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1692\" class=\"size-full wp-image-1692\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/06-Resorti-Interview-Eisb\u00e4r-\u00a9-Eva-Becker.jpg\" alt=\"06-Resorti-Interview-Eisb\u00e4r \u00a9 Eva Becker\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/06-Resorti-Interview-Eisb\u00e4r-\u00a9-Eva-Becker.jpg 1000w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/06-Resorti-Interview-Eisb\u00e4r-\u00a9-Eva-Becker-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1692\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Dinge werden h\u00e4ufig sehr exponiert abgelegt, sodass andere sie gut erkennen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p><\/div>\n<p><strong>Welche T\u00e4tigkeit nimmt den Gro\u00dfteil Ihrer Arbeit ein?<\/strong><\/p>\n<p>Angefangen habe ich damit, dass ich Fotos von M\u00fcll in meiner Umgebung gemacht habe. Mittlerweile verf\u00fcge ich \u00fcber mehr als 7.000 M\u00fcll-Fotos, anhand derer sich wunderbar Muster erkennen lassen, wie Menschen Gegenst\u00e4nde im \u00f6ffentlichen Raum entsorgen. Zum Beispiel f\u00e4llt auf, dass Dinge h\u00e4ufig sehr exponiert abgelegt werden, sodass sie von anderen Menschen gut erkannt werden k\u00f6nnen. Warum dies so ist, k\u00f6nnen sicher Psychologen beantworten. Auch die soziologische &#8222;Broken-Windows-Theorie&#8220; l\u00e4sst sich in Bezug auf weggeworfene Dinge im Stadtbild gut anwenden: Liegt irgendwo ein St\u00fcck M\u00fcll, so kann dies schnell zu einem M\u00fcllhaufen ausarten.<\/p>\n<p>In Berlin habe ich bereits an vielen Schulen m\u00fcll-arch\u00e4ologische Projekte und Lehrerweiterbildungen durchgef\u00fchrt und Vortr\u00e4ge gehalten. Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn sich mehr Menschen f\u00fcr die M\u00fcll-Arch\u00e4ologie interessieren w\u00fcrden. Alle Welt redet \u00fcber Abfallvermeidung und Recycling, aber so lange wir unser eigenes Verhalten nicht \u00fcberpr\u00fcfen, werden wir unser Verhalten auch nicht \u00e4ndern.<\/p>\n<h2>Die einzige Kultur, die es sich leistet, Geschirr wegzuwerfen<\/h2>\n<div id=\"attachment_1694\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1694\" class=\"size-full wp-image-1694\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/07-Resorti-Interview-Fahrradkorb-\u00a9-Eva-Becker.jpg\" alt=\"07-Resorti-Interview-Fahrradkorb \u00a9 Eva Becker\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/07-Resorti-Interview-Fahrradkorb-\u00a9-Eva-Becker.jpg 1000w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/07-Resorti-Interview-Fahrradkorb-\u00a9-Eva-Becker-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1694\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Welche Gesellschaft in der Vergangenheit konnte sich erlauben, Geschirr nur ein einziges Mal zu benutzen und es dann wegzuwerfen?&#8220;<\/p><\/div>\n<p><strong>Lassen Sie uns \u00fcber Ihre Beobachtungen auf Ihren Spazierg\u00e4ngen sprechen. Was hat Sie in letzter Zeit am meisten verbl\u00fcfft?<\/strong><\/p>\n<p>An dem Ort, wo ich meine Feldstudien betreibe (gleichzeitig auch die angeblich hip(p)ste Stadt Deutschlands), verbl\u00fcffte mich eine bestimmte Art von Verpackungsm\u00fcll. Einer, der darauf hindeutet, dass gegessen oder getrunken wurde: das Zauberwort hei\u00dft &#8222;to go&#8220;.<\/p>\n<p>Es f\u00fchrte mich zu der \u00dcberlegung, welchen Wert gemeinsames Essen in unserer Gesellschaft (noch) hat. In allen Kulturen und zu allen Zeiten hatte gemeinsames Essen einen hohen Stellenwert. Das christliche Abendmahl und das muslimische Fastenbrechen sind zwei Beispiele daf\u00fcr. Was hat sich gesellschaftlich oder kulturell ver\u00e4ndert, dass wir unsere Mahlzeiten immer h\u00e4ufiger im Gehen und vermehrt auf der Stra\u00dfe einnehmen?<\/p>\n<p><strong>Ist dies aber nicht auch ein typisches Stadtph\u00e4nomen?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt einen Unterschied im M\u00fcllverhalten zwischen Stadt und Land. W\u00e4hrend eines Vortrages in einem Gymnasium einer kleinen sachsen-anhaltinischen Stadt, die Sch\u00fcler kamen vorwiegend aus den umliegenden D\u00f6rfern, wurde ich gefragt, ob das Foto eines Fahrradkorbes, gef\u00fcllt mit to-go-Artikeln, gestellt w\u00e4re.<\/p>\n<p>Keines meiner Fotos ist gestellt &#8211; arch\u00e4ologisch gesprochen sind alle meine M\u00fcll-Artefakte in situ fotografiert. Auf dem Land wird es kaum die M\u00f6glichkeit geben, sich im Dorfladen, falls es noch einen gibt, einen Becher Kaffee zum Mitnehmen zu kaufen, sodass auch die Entsorgung desselbigen entf\u00e4llt. Die Anonymisierung der Gro\u00dfstadt hat sicher einen gro\u00dfen Einfluss auf das M\u00fcllverhalten. Ich bin mir sicher, wenn man im Dorf einen Kaffee zum Mitnehmen kaufen kann, so w\u00fcrde kaum jemand auf die Idee kommen, diesen in einem fremden Fahrradkorb zu entsorgen.<\/p>\n<p><strong>Was kommt in St\u00e4dten noch erschwerend hinzu?<\/strong><\/p>\n<p>All die Gegenst\u00e4nde, die im Gehen zum Essen gebraucht werden, sind entweder aus Plastik oder Papier, sodass man sich ihrer schnell wieder entledigen kann, weil sie ja angeblich f\u00fcr eine zweite oder dritte Benutzung nicht mehr taugen. Die Mengen, die sich an manchen Orten finden lassen, sind ein Bild f\u00fcr den Ausdruck &#8222;Wegwerfgesellschaft&#8220;.<\/p>\n<p>Als Arch\u00e4ologin habe ich mich gefragt, welche Gesellschaft in der Vergangenheit es sich erlauben konnte, Geschirr &#8211; und nichts anderes sind Pappbecher, Papierteller und Plastikbesteck &#8211; nur ein einziges Mal zu benutzen und es dann wegzuwerfen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir eine sehr reiche Gesellschaft sein m\u00fcssen, die sich diesen Luxus erlauben kann. Das impliziert auch einen sehr sorglosen Umgang mit Ressourcen, weshalb die M\u00fcll-Arch\u00e4ologie oft auch nicht vom Umweltschutz zu trennen ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend eines Vortrages erkl\u00e4rte mir ein 15j\u00e4hriger Sch\u00fcler, dass die Plastikgabel, die er im Schnellrestaurant bekommt, keinen Wert habe. Sp\u00e4ter kamen wir auf Erd\u00f6l zu sprechen, welches den Ausgangsstoff f\u00fcr Plastik darstellt. Ich fragte die Sch\u00fcler, ob sie einen anderen Begriff oder eine andere Bezeichnung f\u00fcr Erd\u00f6l kennen. Die meisten kennen den Ausdruck &#8222;Schwarzes Gold&#8220;.<\/p>\n<p>Legt man diesen Ausdruck f\u00fcr die Plastikgabel des Schnellrestaurants zugrunde, dann muss gefragt werden, welche Gabel denn die wertvollere ist: die Metallgabel in unserem K\u00fcchenschrank oder die Gabel aus Plastik, die ach so gedankenlos tausende Male am Tage weggeworfen wird? <a href=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/den-schalter-im-kopf-umlegen\/\">Susanne Hausstein<\/a> hat dies wunderbar in ihrem &#8222;Schwarze-Gold-Barren&#8220; zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<h2>Von der Stein-, Bronze- und Eisenzeit in die &#8222;Papier-Plastik-Zeit&#8220;<\/h2>\n<div id=\"attachment_1727\" style=\"width: 956px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1727\" class=\"size-full wp-image-1727\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/08-Resorti-Interview-Plastikt\u00fcte-\u00a9-Eva-Becker1.jpg\" alt=\"08-Resorti-Interview-Plastikt\u00fcte \u00a9 Eva Becker\" width=\"946\" height=\"562\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/08-Resorti-Interview-Plastikt\u00fcte-\u00a9-Eva-Becker1.jpg 946w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/08-Resorti-Interview-Plastikt\u00fcte-\u00a9-Eva-Becker1-600x356.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 946px) 100vw, 946px\" \/><p id=\"caption-attachment-1727\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Es ist der sorglose Umgang mit dem Material und nicht das Material selbst, was es suspekt macht.&#8220;<\/p><\/div>\n<p><strong>Von Ihnen stammt der Begriff, dass wir in der \u201ePapier-Plastik-Zeit\u201c leben&#8230;<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>In der Arch\u00e4ologie entstand im 19. Jahrhundert eine Periodisierung der Zeiten anhand des Artefaktmaterials. Die Begriffe &#8222;Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit&#8220; gehen auf den d\u00e4nischen Arch\u00e4ologen Christan J\u00fcrgensen Thomson zur\u00fcck. Als Arch\u00e4ologin habe ich mich nat\u00fcrlich gefragt, in welcher Zeit wir heute leben, wenn man ein Material zugrunde legen soll, um diese Zeit zu benennen. Da ich nicht zwischen Papier und Plastik trennen bzw. mich entscheiden konnte, ist diese gemischte Materialgruppe entstanden.<\/p>\n<p>Wie bekannt, ist die Plastikt\u00fcte in aller Munde. Aber fragen sie einmal die Leute, ob sie wissen, aus welchem Rohstoff Plastik(-t\u00fcten) hergestellt werden. Sie werden die abenteuerlichsten Rohstoffe genannt bekommen, unter anderem auch &#8222;Plastik&#8220;(!).<\/p>\n<p>Weder an Papier noch an Plastik ist \u00fcbrigens etwas Schlechtes. Plastik hat unser Leben sehr komfortabel gestaltet. Die Shampooflasche aus Plastik kann beim Herunterfallen auf die Fliesen im Badezimmer nicht mehr zerscherben und viele Menschen freuen sich, Getr\u00e4nke in Plastikflaschen nach Hause tragen zu k\u00f6nnen, sind diese doch viel leichter als eine Glasflasche. Aber was ist mit der Plastikt\u00fcte, deren Lebensdauer von der Supermarktkasse zur Wohnung durchschnittlich 21 Minuten betr\u00e4gt. Zu Hause wandert die Plastikt\u00fcte vermutlich in eine Schublade, wo schon mehrere Schwestern lagern. Irgendwann klemmt die Schublade und die Plastikt\u00fcte wird als M\u00fcllt\u00fcte verwendet. Ist sie gef\u00fcllt, landet sich vermutlich in der Restm\u00fclltonne und wird verbrannt. Damit w\u00e4re ich wieder beim Thema &#8222;Schwarzes Gold&#8220;.<\/p>\n<p>Die wenigsten Menschen machen sich Gedanken dar\u00fcber, wie lange eine Plastikt\u00fcte braucht, um sich zu zersetzen. Wir denken immer noch, dass das, was wir wegwerfen, auch vergammelt. Die Konsequenzen, die eine unsachgem\u00e4\u00df entsorgte Plastikt\u00fcte nach sich ziehen, bedenken oder kennen die wenigsten: Fische und V\u00f6gel fressen Plastikgegenst\u00e4nde und verenden am vollen Magen. V\u00f6gel bauen regendichte Nester mit Plastik, was hei\u00dft, die Brut ers\u00e4uft. Wie gesagt, es ist der sorglose Umgang mit dem Material und nicht das Material selbst, was es suspekt macht.<\/p>\n<h2>&#8222;Unser&#8220; Wort Stadtmobiliar findet gro\u00dfen Anklang<\/h2>\n<div id=\"attachment_1696\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1696\" class=\"size-full wp-image-1696\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/11-Resorti-Interview-Matratzen-\u00a9-Eva-Becker.jpg\" alt=\"11-Resorti-Interview-Matratzen \u00a9 Eva Becker\" width=\"1000\" height=\"562\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/11-Resorti-Interview-Matratzen-\u00a9-Eva-Becker.jpg 1000w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/11-Resorti-Interview-Matratzen-\u00a9-Eva-Becker-600x337.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1696\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Ihr Ausdruck Stadtmobiliar gef\u00e4llt mir ausgezeichnet.&#8220;<\/p><\/div>\n<p><strong>Denken Sie, dass das Littering-Problem in Deutschland an nicht ausreichendem Stadtmobiliar festzumachen ist? Oder spielen hier auch psychologische Dinge eine Rolle?<\/strong><\/p>\n<p>Gegenfrage: Was verstehen Sie unter &#8222;Stadtmobiliar&#8220;? Papierk\u00f6rbe und M\u00fclleimer oder auch Stromk\u00e4sten, B\u00e4nke, Bushaltestellen, Laternenpf\u00e4hle? Ein Blick in unsere Stadtlandschaft zeigt, dass alles, auf dem etwas abgestellt werden kann, auch daf\u00fcr genutzt wird. Ich denke, dass die Reinigungsbetriebe der St\u00e4dte schon gen\u00fcgend Papierk\u00f6rbe und M\u00fclleimer aufgestellt haben, aber manchmal ist es ein bisschen schwierig, ein System zu erkennen. (<em>Anm. d. Red.<\/em> siehe Frau Beckers Artikel &#8222;Bequemlichkeit&#8220;).<\/p>\n<p>Jedes Stadtmobiliar eignet sich hervorragend zur Abfallbeseitigung. Der Kreativit\u00e4t sind \u00fcberhaupt keine Grenzen gesetzt (<em>Anm. d. Red.<\/em> siehe Frau Beckers Artikel &#8222;Der Reiz des Unerlaubten&#8220;). Sicher spielt Bequemlichkeit dabei eine gro\u00dfe Rolle. Niemand will auch nur zwanzig Schritte mit einem leeren Pappbecher in den H\u00e4nden durch die Stra\u00dfen wandeln, da stellt man ihn doch lieber auf einem Stromkasten ab. Da ist der Becher gut sichtbar f\u00fcr den Stra\u00dfenfeger, der ihn dann nur noch einsammeln muss.<\/p>\n<p>Ihr Ausdruck <a href=\"https:\/\/www.resorti.de\/stadtmobiliar\/\">Stadtmobilar<\/a> ist mir neu, gef\u00e4llt mir aber ausgezeichnet. In der Regel bezeichnet &#8222;Mobiliar&#8220; alle Einrichtungsgegenst\u00e4nde innerhalb einer Wohnung. Und diese Gegenst\u00e4nde finden sich sehr h\u00e4ufig im Stra\u00dfenbild, sodass ihre Wortwahl &#8222;Stadtmobiliar&#8220; eine ganz interessante Bedeutung f\u00fcr mich bekommt, lassen sich doch alle erdenklichen Einrichtungsgegenst\u00e4nde auch im Berliner Stadtbild wiederfinden. Werden diese Gegenst\u00e4nde dadurch zu &#8222;Stadtmobiliar&#8220;? Matratzen sind in dieser Hinsicht sehr beliebt, aber auch ganze Wohnzimmergarnituren.<\/p>\n<h2>Internationale Perspektiven der M\u00fcll-Arch\u00e4ologie<\/h2>\n<p><strong>Welche Erfahrungswerte k\u00f6nnte man aus anderen L\u00e4ndern auf der Erde einsammeln? Wer k\u00f6nnte uns warum ein Vorbild sein?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage ist sehr schwer zu beantworten, da M\u00fcll ein globales Problem ist. Wo es Menschen gibt, gibt es auch Abfall. Das war schon in der Steinzeit der Fall, als der Mensch vor allem aus Feuersteinknollen Ger\u00e4te herstellte. Die Steine mussten zurechtgeschlagen werden, und dabei entstanden nicht weiter verwertbare Abschl\u00e4ge, die heute zum Beispiel einen Ort als Lagerplatz der fr\u00fchen Steinzeitj\u00e4ger ausweisen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend eines T\u00fcrkei-Urlaubs sah ich eine Obsth\u00e4ndlerin, die frische Feigen in einen mit Feigenbl\u00e4ttern ausstaffierten alten Karton legte und diesen zum Verkauf anbot. Mir hat dieses Bild so gut gefallen, denn die Feigenbl\u00e4tter werden irgendwann verrotten und zu Humus werden. In unseren Superm\u00e4rkten gibt es Feigen nur in d\u00fcnnen Papierummantelungen oder in d\u00fcnnen Plastikt\u00fcten.<\/p>\n<p>Auf zentralasiatischen Basaren werden die gew\u00fcnschten Gew\u00fcrze in T\u00fcten verpackt. Die T\u00fcten stellt der H\u00e4ndler immer aus alten Papierbl\u00e4ttern her. Dank der EU haben wir so viele Hygienevorschriften, dass ich mich immer wieder frage, wie die Menschheit ohne diese hat \u00fcberleben k\u00f6nnen. Milchkannen werden nicht mehr gebraucht und der alten Frau, die am Fischstand ihre Heringe in einer mitgebrachten Glassch\u00fcssel nach Hause tragen m\u00f6chte, wird dies aus hygienischen Gr\u00fcnden versagt.<\/p>\n<div id=\"attachment_1729\" style=\"width: 760px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1729\" class=\"size-full wp-image-1729\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/09-Resorti-Interview-Biotonne-\u00a9-Eva-Becker1.jpg\" alt=\"09-Resorti-Interview-Biotonne \u00a9 Eva Becker\" width=\"750\" height=\"1000\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/09-Resorti-Interview-Biotonne-\u00a9-Eva-Becker1.jpg 750w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/09-Resorti-Interview-Biotonne-\u00a9-Eva-Becker1-450x600.jpg 450w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/09-Resorti-Interview-Biotonne-\u00a9-Eva-Becker1-360x480.jpg 360w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><p id=\"caption-attachment-1729\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Ich finde es sehr paradox, dass Dinge nur hergestellt werden, um in der M\u00fclltonne zu landen.&#8220;<\/p><\/div>\n<p>In einem meiner Workshops ist unser Fr\u00fchst\u00fcck ein Thema. Es wird eingekauft und dann ein Fr\u00fchst\u00fcckstisch gedeckt, auf dem Lebensmittel in der Verpackung nichts zu suchen haben. Auf einem zweiten Tisch werden die Verpackungen pr\u00e4sentiert. Der Volumenunterschied beider Tische ist schon immens. Wer macht sich schon die M\u00fche und visualisiert seinen Wocheneinkauf? Ich finde es sehr paradox, dass Dinge &#8211; in diesem Fall Verpackung &#8211; nur hergestellt werden, um in der M\u00fclltonne zu landen.<\/p>\n<h2>Welche Strategien zur Abfallvermeidung haben Sie?<\/h2>\n<div id=\"attachment_1715\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1715\" class=\"size-full wp-image-1715\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/13-Resorti-Interview-zerscherbte-Flasche-\u00a9-Eva-Becker.jpg\" alt=\"13-Resorti-Interview-zerscherbte Flasche \u00a9 Eva Becker\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/13-Resorti-Interview-zerscherbte-Flasche-\u00a9-Eva-Becker.jpg 1000w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/13-Resorti-Interview-zerscherbte-Flasche-\u00a9-Eva-Becker-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1715\" class=\"wp-caption-text\">Zerscherbte Flasche neben einem \u00fcberf\u00fcllten Abfallbeh\u00e4lter<\/p><\/div>\n<p><strong>Was sind Ihrer Meinung nach weitere Verbesserungsvorschl\u00e4ge zur Reduzierung des hierzulande anfallenden Unrats? <\/strong><\/p>\n<p>Diese Fragen fallen eigentlich nicht in mein Ressort, auch wenn ich der Ansicht bin, dass das Zauberwort der Zukunft &#8222;Abfallvermeidung&#8220; hei\u00dft.<\/p>\n<p>Ein Wort aus m\u00fcll-arch\u00e4ologischer Sicht zum Thema &#8222;Pfand&#8220;. Ein befreundeter Iraner, der mit seiner Mutter Berlin besuchte, machte bereits am Flughafen die Entdeckung, dass es Menschen im reichen Deutschland gibt, die in M\u00fclltonnen w\u00fchlen. Er fragte sich, was es damit auf sich habe. Der Herr suchte nat\u00fcrlich im M\u00fclleimer nach Pfandflaschen. Jemand Fremdes die Bedeutung des Wortes &#8222;Pfandflasche&#8220; beizubringen, ist gar nicht so einfach.<\/p>\n<p>In Berlin haben abends und nachts viele Partyg\u00e4nger eine Bierpfandflasche dabei. Stellt sich nur irgendwann die Frage, wohin damit? Sehr uncool, eine Tasche f\u00fcr die leeren Bierflaschen dabei zu haben und diese dann auch noch die ganze Nacht mit sich herum zu schleppen. Also, die Flaschen in der Regel neben \u00f6ffentlichen M\u00fclleimern abstellen.<\/p>\n<p>In K\u00f6ln hat ein Designer einen<a href=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/innovative-muellsysteme-pfandring-erfinder-paul-ketz-im-interview\/\"> Pfandring<\/a> entwickelt, in Berlin-Spandau habe ich einen \u00f6ffentlichen Pfandkorb gesehen. Ich frage mich, warum sich die Stadtv\u00e4ter und -m\u00fctter so schwer mit so kleinen innovativen Ideen tun. Am Goethe-Gymnasium in Berlin haben Sch\u00fcler einen Pfandkorb entwickelt, der aus einem Pfandkasten bestand, der am Laternenpfahl befestigt wurde. Eine kleine, aber feine Idee.<\/p>\n<div id=\"attachment_1716\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1716\" class=\"size-full wp-image-1716\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/12-Resorti-Interview-Urlaubsfoto-\u00a9-Eva-Becker.jpg\" alt=\"Flaschenmeer \" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/12-Resorti-Interview-Urlaubsfoto-\u00a9-Eva-Becker.jpg 1000w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/12-Resorti-Interview-Urlaubsfoto-\u00a9-Eva-Becker-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1716\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Ich frage mich, warum sich die Stadtv\u00e4ter und -m\u00fctter so schwer mit kleinen innovativen Ideen tun.&#8220;<\/p><\/div>\n<p><strong>Welche Ziele haben Sie sich f\u00fcr die Zukunft gesetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Im Augenblick scheint es mir wichtig f\u00fcr die M\u00fcll-Arch\u00e4ologie eine \u00d6ffentlichkeit zu erreichen, um aufzuzeigen, welches Potenzial in der etwas anderen Art der Sichtweise auf unseren heutigen M\u00fcll steckt.<\/p>\n<p>Meine bisherigen beruflichen m\u00fcll-arch\u00e4ologischen Aktivit\u00e4ten fanden im Bildungsbereich statt. Leider ist das Thema M\u00fcll so negativ besetzt, dass die meisten Menschen sich nicht damit auseinandersetzen wollen, obwohl jeder von uns t\u00e4glich mehrere Kilogramm M\u00fcll produziert. Uncool ist dieses Thema nicht nur bei den meisten Sch\u00fclern, sondern auch bei manch Erwachsenen. In der VHS habe ich Kurse mit Frau Hausstein angeboten, die aber kein Interesse fanden. Erst als wir einen kostenlosen Workshop anboten, gab es Teilnehmer. Es ist sehr schade, dass kulturpolitische Themen nichts kosten d\u00fcrfen, um das Interesse zu wecken oder extrem schlecht bezahlt werden.<\/p>\n<p>Ich habe es erlebt, dass Menschen, die ich mit dem Thema der M\u00fcll-Arch\u00e4ologie erreicht habe, ihr eigenes M\u00fcllverhalten zu reflektieren begannen und daraus f\u00fcr sich Konsequenzen zogen. Der Umgang mit M\u00fcll hat auch viel mit Kompromissen zu tun, die man eingehen muss, denn ohne M\u00fcll funktioniert unser t\u00e4gliches Leben nicht.<\/p>\n<div id=\"attachment_1717\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1717\" class=\"size-full wp-image-1717\" src=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/04-Resorti-Interview-Tassen-auf-Fensterbank-\u00a9-Eva-Becker.jpg\" alt=\"04-Resorti-Interview-Tassen auf Fensterbank \u00a9 Eva Becker\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/04-Resorti-Interview-Tassen-auf-Fensterbank-\u00a9-Eva-Becker.jpg 1000w, https:\/\/www.resorti.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/04-Resorti-Interview-Tassen-auf-Fensterbank-\u00a9-Eva-Becker-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1717\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Erst als wir einen kostenlosen Workshop anboten, gab es Teilnehmer. Es ist sehr schade, dass kulturpolitische Themen nichts kosten d\u00fcrfen, um das Interesse zu wecken oder extrem schlecht bezahlt werden.&#8220;<\/p><\/div>\n<p><strong>Ihre Faszination an der M\u00fcll-Arch\u00e4ologie in drei Stichpunkten&#8230;?<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Ich besch\u00e4ftige mich mit den Dingen, die auf der Stra\u00dfe liegen: Ich muss keinen Boden \u00f6ffnen, um die darunterliegenden Bodendenkm\u00e4ler mit ihren Artefakten zu finden. Die Dinge, die ich auf der Stra\u00dfe finde, sind wie ein Zeitfenster auf einem arch\u00e4ologischen Bodendenkmal, wenn auch ein fl\u00fcchtiges und nicht ein konserviertes.<\/li>\n<li>W\u00fcrde man ein gro\u00dfes, m\u00fcll-arch\u00e4ologisches Projekt in einem Stadtteil initiieren, so w\u00fcrde man mit Sicherheit alle Dinge finden, die unser heutiges Leben bestimmen, vom Autoreifen \u00fcber die weggeworfene Diskette und das benutzte Kondom bis hin zur Zahnb\u00fcrste. Br\u00e4chte man die Gegenst\u00e4nde noch in Bezug zu ihren \u00d6rtlichkeiten, so lie\u00dfen sich sehr interessante Ergebnisse f\u00fcr Stadtplaner, Marktforscher, Soziologen etc. pp daraus ableiten. Vor noch gar nicht so langer Zeit wurde M\u00fcll in Gruben vergraben, heute wird er gut sichtbar auf der Stra\u00dfe abgelegt und bietet sich somit f\u00fcr viele unterschiedliche Studien an.<\/li>\n<li>Auch ist es an der Zeit, dass ich meine Fotos auswerte und anfange, Artikel zu schreiben. Bereits der Blog zeigt, welches wissenschaftliche Potenzial meine Fotos bieten, auch wenn die dort vorgestellten Artikel h\u00e4ufig mit einem Augenzwinkern geschrieben sind.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Liebe Frau Dr. Becker, wir danken Ihnen f\u00fcr dieses Interview!<\/strong><\/p>\n<h2>Mehr Informationen zu Dr. Eva Becker und M\u00fcll-Arch\u00e4ologen auf der Welt<\/h2>\n<ul>\n<li>Website von Eva Becker: <a href=\"http:\/\/www.sand-und-scherben.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">sand-und-scherben.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/muell-archaeologie.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Blog muell-archaeologie<\/a> von Frau Becker\n<ul>\n<li>Artikel <a href=\"http:\/\/muell-archaeologie.de\/blog\/?p=343\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Gro\u00dfstadtalt\u00e4re<\/a> (es lohnt sich auf alle F\u00e4lle noch den Kommentar zu lesen)<\/li>\n<li>Artikel <a href=\"http:\/\/muell-archaeologie.de\/blog\/?p=3670\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">\u201eDer Reiz des Unerlaubten\u201c<\/a><\/li>\n<li>Artikel <a href=\"http:\/\/muell-archaeologie.de\/blog\/?p=3794\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">\u201eR\u00e4ucherwerk\u201c<\/a><\/li>\n<li>Artikel <a href=\"http:\/\/muell-archaeologie.de\/blog\/?p=3954\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">\u201eBequemlichkeit\u201c<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Australisches Garbologie-Projekt <a href=\"http:\/\/garbologie.com\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">garbologie.com (englisch)<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Arch\u00e4ologen wie Dr. Eva Becker auf Spurensuche gehen, ist das Objekt der Begierde nur in seltenen F\u00e4llen die Nofretete \u2013 h\u00f6chstens, wenn ein Sammler ein Modell davon gerade entsorgt hat. 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