Kulturgeschichte des Spielplatzes

Der Spielplatz im öffentlichen Raum: Kreativer Entfaltungsort für Kinder oder standardisiertes Modell? The Playground Project zeigt Spielplätze aus aller Welt und ist auch für Künstler, Designer und Architekten interessant. RESORTI stellt das Projekt der Schweizerin Gabriela Burkhalter vor und wirft einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Spielplatzes.

Spielplätze sind aus dem öffentlichen Raum heute nicht mehr weg zu denken. Rutsche, Schaukel und Co. sind bereits fest ins Stadtbild integriert. Viele Gestaltungsmöglichkeiten und Raum für Kreativität bieten Spielplätze jedoch häufig nicht. Die meisten sind standardisiert, hygienisch und stehen unter einem ständigen Sicherheits- und Kontrollwahn.

Spielplätze im öffentlichen Raum

Spielplätze kommen im öffentlichen Raum häufig zu kurz (Foto: Annik Wetter)

Dass das nicht immer so war, zeigt die Entstehungsgeschichte des Spielplatzes. Auch die Ausstellung The Playground Project geht einen anderen Weg und stellt den Spielplatz als Entfaltungsort und künstlerischen Raum dar.

The Playground Project – Spielplatzausstellung für Kinder, Architekten und Künstler

Eine Ausstellung über Spielplätze, die nicht nur für Familien und Kinder, sondern auch für Architekten, Künstler und Designer interessant ist: The Playground Project will den Spielplatz als Teil des öffentlichen Raums, Entfaltungsort und künstlerisches Produkt darstellen.

Spielplatzgeschichte hautnah beim Playground Project

Spielplatzgeschichte hautnah beim Playground Project (Foto: Annik Wetter)

Heutige standardisierte, hygienische Ansammlungen von Spielgeräten kritisiert Initiatorin Gabriela Burkhalter. Die Politologin und Stadtplanerin aus Basel steht hinter dem Projekt. Sie demonstriert anhand alter Fotografien die Ursprünge des Spielplatzes im 19. Jahrhundert und zeigt ebenso moderne Installationen wie den Lozziwurm. The Playground Project präsentiert ausgezeichnete und einflussreiche Spielplätze aus Europa, den USA und Japan.

Ausstellung für Kinder und Erwachsene

Gabriela Burkhalter erklärt, dass sich das Projekt sowohl an Kinder, als auch an Erwachsene richtet: „Es ist keine ‚pädagogische‘ Ausstellung, Kinder können auf den Spielskulpturen nach Lust und Laune spielen, es gibt nicht die Erwartung, dass sie etwa lernen sollen oder müssen. Erwachsene erfahren etwas über Stadt- und Sozialgeschichte verschiedener Länder und Kontinente.“

The Playground Project fand in der Kunsthalle Zürich statt

Die Kunsthalle Zürich lud zu der Ausstellung The Playground Project ein (Foto: Annik Wetter)

The Playground Project wurde bei der gta Exhibitions und der Kunsthalle Zürich gezeigt, derzeit findet die Ausstellung im Baltic Center for Contemporary Art in Newcastle statt. Für alle Interessierten, die es nicht zur Ausstellung schaffen und als Zusatzlektüre erschien zum Playground Project auch ein Buch. Gabriela Burkhalter schuf zudem das Online Archiv Architektur für Kinder mit historischem Bildmaterial, das den Spielplatz als zentralen und bedeutenden Ort in der Stadt darstellt.

Die Entstehungsgeschichte des Spielplatzes

Die Entwicklung der Spielplätze steht unter dem Einfluss der Forschungen über die richtige Erziehung und verschiedener Erziehungsstile:

  • Der Begriff Spielplatz taucht bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in der Literatur auf. Ab 1820 treten im Zuge der Industrialisierung erste städtische Kinderspielplätze auf.
  • Richtig geläufig wurden Spielplätze jedoch erst 100 Jahre später. So gelten sie als Nebenprodukte der Stadt des 20. Jahrhunderts. In der Enge der Stadt und aufgrund der Tatsache, dass viele Arbeiterkinder tagsüber unbeaufsichtigt waren, wurden für die junge Bevölkerung Räume im urbanen Raum geschaffen. Sie dienten als Rückzugsorte in der hektischen Stadt.
  • Ab 1920 entstanden so immer mehr Spielplätze in Deutschland. Im Krieg wurden jedoch viele davon zerstört und so wichen die Kinder in der Nachkriegszeit zum Spielen auf Trümmergrundstücke aus. Erwachsene waren sich einig, dass neuer Spielraum für Kinder geschaffen werden sollte.
Die Entstehungsgeschichte des Spielplatzes

Entstehungsgeschichte des Spielplatzes beim Playground Project (Foto: Annik Wetter)

  • Ab 1930 gab es in Städten viele öffentliche Spielplätze mit Sandkasten, Rutsche und Klettergerüst.
  • Im Jahr 1955 machten sich zahlreiche Planer Gedanken über die Spielplatzgestaltung. So brach langsam die Zeit von alternativen Spielformen an.
  • Mit der 68er Bewegung kam ein neues Paradigma auf: Freies, selbstbestimmtes, kreatives Spielen sollte gefördert werden.
  • Ab den 1960ern wurde der Spielplatz als Bereich, des kreativen Ausdrucks und der kognitiven Entwicklung gesehen.
  • In den 70er Jahren wurden viele Spielzeugkonzepte stark kritisiert. Eine lebhafte Spielzeugdiskussion entstand. Diese führte dazu, dass die ersten Abenteuerspielplätze errichtet wurden.
  • Die Frage nach Sicherheitsanforderungen eines Spielplatzes kam auf und so entstand 1971 die immer wieder neu aufgelegte und viel diskutierte DIN-Norm 18 034. In dieser Zeit wurden in vielen Bundesländern Spielplatzgesetze verabschiedet.
  • Mit der Zeit wandelte sich das Bild der Spielplätze. Metallgeräte wurden zusehends durch Holzgeräte ersetzt.
Martin Koch (c) RESORTIWenn Sie sich für das Thema Stadtentwicklung interessieren, dann schauen Sie sich die Themenseite dazu an. Dort haben wir Blogartikel rund um die Bereiche Stadtentwicklung und -gestaltung für Sie gesammelt. 

Herkunft der Spielgeräte

Rutsche, Karussell und Schaukel zählen zu den Klassikern, die auf jedem Spielplatz vertreten sind. Doch seit wann gibt es die Spielgeräte eigentlich? Ein kleiner Blick auf die Entstehungsgeschichte des Karussells und die der Rutsche:

Die Geschichte des Karussels

Die Geschichte des Karussells reicht weit zurück bis ins Mittelalter. Schon damals wurde ein Vorläufer des heutigen Karussells dazu genutzt, Ritter zu trainieren. Auch im 18. Jahrhundert kamen Karussells an den barocken Höfen Europas vor. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die drehenden Fahrgeschäfte eine beliebte Jahrmarktattraktion. Das Sitz- oder Stehkarussell ist dem auf den Jahrmärkten nachempfunden, die Kinder müssen es jedoch selbst durch das Drehen der Scheibe in der Mitte betreiben. Das Karussell gehört zu der ersten Standardausstattung eines jeden Spielplatzes.

Ein berühmtes Ausstellungsstück des Playground Projects: der Lozziwurm

Ein berühmtes Ausstellungsstück des Playground Projects: der Lozziwurm (Foto: Annik Wetter)

Die Geschichte der Rutsche

Die Rutsche entstand im 18. Jahrhundert in St. Petersburg. Bewohner der Stadt nutzten damals die zugefrorene Newa, um mit einem Schlitten von aufgestapelten Eisplatten herunter zu rutschen. Die erste „Eisrutsche“ bestand aus einem Balkengerüst auf der einen und einer Treppe auf der anderen Seite des Eishügels.

Interview mit Gabriela Burkhalter zum Thema Spielplätze im öffentlichen Raum

Gabriela Burkhalter ist viel unterwegs und forscht zum Thema Spielplätze

Gabriela Burkhalter ist viel unterwegs und forscht zum Thema Spielplätze (Foto: Gabriela Burkhalter)

Gabriela Burkhalter ist eine Politologin und Stadtplanerin  aus Basel. Sie forscht seit Jahren zum Thema Spielplätze. Die Ausstellung The Playground Project sowie das Online-Archiv Architekturfuerkinder.ch sind nur einige ihrer Projekte in diesem Bereich.

RESORTI: Welche Bedeutung sprechen Sie dem Spielplatz im öffentlichen Raum zu?

Der Spielplatz ist einer der letzten öffentlichen Räume, den Kinder frei nutzen können, wo es keine Werbung und keine kommerzielle Zwänge gibt. Deshalb ist es ein wertvoller Raum. Leider können Kinder den Raum selten frei gestalten, aber sie haben das Recht, Lärm zu machen und können sich frei bewegen. Spiel sollte zwar überall möglich sein und darf nicht auf Spielplätze beschränkt werden, nur nehmen sich Erwachsene außerhalb des Spielplatzes das Recht, sich einzumischen oder das Spiel zu verbieten.

RESORTI: Sind Sie mit der aktuellen Situation von Spielplätzen im öffentlichen Raum zufrieden? Was würden Sie kritisieren?

Die Situation ist je nach Land und Ort unterschiedlich. Von desolat bis luxuriös gibt es alles. In der Schweiz ist die Situation meistens gut, aber es gibt auch Agglomerationsgemeinden oder verkehrsbelastete Quartiere, wo es weniger gut ist. Die Grünämter sind sich in der Regel der Bedeutung der Spielplätze bewusst, private Investoren jedoch wählen oft Minimallösungen.

Gabriela Burkhalte kritisiert Spilplatzkonzepte

Gabriela Burkhalter setzte sich für mehr Raum zum Spielen in der Stadt ein (Foto: Annik Wetter)

Ein Kritikpunkt ist, dass der verfügbare Raum mit Geräten zugebaut wird, statt auch Raum für mehr naturnahe oder topographische Elemente zu lassen. Erstmals wächst der Anteil Kinder und Jugendlicher an der städtischen Bevölkerung wieder, da sollte auch neuer Spielraum geschaffen werden. Eigentlich befinden wir uns fast wieder in Zeiten des Babybooms der 1960er Jahre, als auch der Spielplatz boomte. Es hat aber kaum noch verfügbare Grundstücke und die Stadt verdichtet sich zunehmend.

RESORTI: Wie verorten Sie den Spielplatz in den Bereichen Kunst, Design und Architektur?

Heute hat sich der Spielplatz von diesen Bereichen entfernt und ist zu einem Produkt der spezialisierten Spielplatzindustrie geworden. Im Unterschied zu den 1960er und 70er Jahren fühlen sich diese Berufsgruppen nicht mehr für den Spielplatz zuständig. Ohne die Einmischung von Kunst, Design, Architektur und Landschaftsarchitektur und auch von den Benutzern kann es keine spannenden Spielplätze geben.

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