Warnschild vor Smombies

„Smombies“ als Unfallverursacher – wie sich Städte helfen können

Smombie ist das vom Langenscheidt-Verlag gekürte „Jugendwort des Jahres“ 2015. Dieses Kofferwort aus den Begriffen Smartphone und Zombie bezeichnet einen Menschen, der durch die Beschäftigung mit einem Mobiltelefon derart abgelenkt wird, dass er seine Umgebung nicht mehr wahrnimmt. Warum Smombies als Fußgänger für den öffentlichen Raum zur Gefahr werden und mit welchem Stadtmobiliar sich Kommunen helfen können, lesen Sie bei RESORTI!

Warnschild vor Smartphonenutzern in der Stadt (c) resorti.de

Vorsicht, Smombie!

[featured_snippet image=“https://www.resorti.de/blog/wp-content/uploads/2015/12/was-ist-ein-smombie-Warnschild-Smombies-in-der-tadt-c-resorti.de_.jpg“ image_alt=“Was ist ein Smombie?“] Der Begriff Smombie bezeichnet einen Menschen,  der durch sein Smartphone so stark abgelenkt ist, dass er seine Umwelt kaum wahrnimmt. Der Ausdruck setzt sich aus den Wörtern „Smartphone“ und „Zombie“ zusammen und wurde 2015 vom Langenscheidt-Verlag zum Jugendwort des Jahres ernannt.[/featured_snippet]

Unfallursache Smartphone bei Fußgängern 2015

  • August 2015, Braunschweig. Ein 19jähriger läuft in Richtung einer Fußgängerampel, den Blick tief ins Display seines Smartphones gesenkt. Er missachtet das rote Stoppzeichen und verursacht einen Auffahrunfall, da ein nahendes Auto wegen ihm eine Vollbremsung unternehmen musste.
  • November 2015, Bergisch Gladbach. Ein Jugendlicher übersieht beim Gang über die Straße einen herankommenden Linienbus, gegen dessen Seitenwand er prallt. Zuvor beschäftigte er sich intensiv mit seinem Mobiltelefon. Neben dem Jungen verletzten sich zwei gestürzte Fahrgäste in dem Bus.
  • Und der jüngste (bekannt gewordene) Fall, der die Gefahr der Ablenkung am deutlichsten zeigt: vor zwei Wochen verlor sich ein 22jähriger Ulmer durch die Fokussierung auf sein Smartphone derart, dass er nach einem unbemerkten Ausfallschritt vor einen vorbeifahrenden BMW geriet. Dessen Fahrer fuhr zu diesem Zeitpunkt besonders langsam, da er wegen des Smartphones Unachtsamkeiten bei dem Fußgänger antizipierte. Trotzdem kam es zum Unglück.

Unfallursache in allen drei Fällen: die Ablenkung durch Smartphones.

Unfallstatistik nach Fehlverhalten von Fußgängern durch Smartphones

Straßenbahn

Im falschen Moment mit dem Smartphone abgelenkt, kann tödlich sein

Eine Unfallstatistik für Fußgänger, die dies explizit aufführt, gibt es noch nicht. Jedoch steigt die Zahl derjenigen Unfälle, die „ohne auf den Fahrzeugverkehr zu achten“ entstanden, in Deutschland rapide an.

Sowohl Unfälle mit Personenschäden insgesamt, die Anzahl der getöteten wie auch der verletzten Fußgänger sind alles andere als rückläufig.

Ein Vergleich der Zeiträume Januar bis August in den Jahren 2014 und 2015 (Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 8, Reihe 7, 08/2015, veröffentlicht am 26.11.):

Januar – August 2014 Januar – August 2015
Unfälle mit Personenschaden 3953 4028
Getötete 81 85
Schwerverletzte 1380 1359
Leichtverletzte 3090 3222

Strafen für Fußgänger, die wegen ihres Handy einen Unfall verursachen?

Wird indes eine Unfallschuld von Fußgängern umso stärker geahndet, wenn ein Mobiltelefon eine Rolle spielte?

Bei Automobilisten und Radfahrern ist die Gesetzeslage eindeutig. Wer noch nicht einmal eine gefährliche Situation herbeiführt, sein Handy aber auch nur aufnimmt, muss mit empfindlichen Strafen rechnen.

Werden Smombies, die den Straßenverkehr zu Gunsten von Apps, Mails und Surfen vernachlässigen, bei gleicher Sachlage ebenfalls mit erhöhten Bußgeldern belegt? RESORTI hat im Innenministerium von NRW nachgefragt.

„Verkehrsordnungswidrigkeiten, die von Fußgängern begangen werden können, sind bundeseinheitlich in der Bußgeldkatalog-Verordnung geregelt. Verstöße von Fußgängern gegen straßenverkehrsrechtliche Verhaltensvorschriften können mit Verwarnungsgeldern geahndet werden, die im Falle einer Sachbeschädigung erhöht werden. Ob eine Ablenkung im Einzelfall durch die Nutzung eines Mobiltelefons oder ein anderes Verhalten verursacht wurde, hat keine Auswirkungen auf die Ahndung des Verstoßes.“

Ministerium für Inneres und Kommunales NRW
Referat 402
Recht der Polizei

Wie können Städte Fußgängerunfälle durch Smartphones verhindern?

Warnschild in Stockholm. Copyright: Jacob Sempler

Warnschild in Stockholm. Copyright: Jacob Sempler

Es müssen demnach andere Lösungen her, um der Kollisionsgefahr von „daddelnden“ Fußgängern im Öffentlichen Raum Herr zu werden. Kommunen in verschiedenen Ländern haben eine Hand voll kreativer Vorschläge bereits umgesetzt. Sehen Sie selbst:

Tippstraßen in Chongqing und Antwerpen

Spezielle Gehstraßen nur für Smombies – wer sich in Chongqing beim Gehen in sein Smartphone vertiefen muss, kann dies auf dem ersten mobile phone sidewalks Chinas tun. Wer auf diesen Weg überwechselt, riskiert weniger Rempler als auf dem normalen Fußgängerweg – gesetzt dem Fall, dass ein jeder Smartphone User gleichmäßig Schritt hält.

Und auch im belgischen Antwerpen hatten die Stadtväter und -mütter diesen Einfall. Ist die Tippstraße in Chongqing lediglich 50 Meter lang, und von daher eher touristischer Funktionalität, haben die Antwerpener ähnliche Markierungen gleich in mehreren Straßen angezeichnet.

Wenn Kommunen eine exzessive Handynutzung nicht kanalisieren können, steht ihnen als Handhabe zumindest etwas anderes zur Verfügung:

Warnschilder vor Smombies in Stockholm

Warnschild vor Smartphonenutzern in Schweden. Copyright: Jacob Sempler

Warnschild vor Smartphonenutzern in Schweden. Copyright: Jacob Sempler

Der Schwede Jacob Sempler hat nach diversen Beobachtungen des Öffentlichen Raums mehrere Warnschilder kreiert, die vor dem schmerzhaften Zusammentreffen mit Smombies warnen sollen.

Die Schilder erfüllen im Wesentlichen zwei Funktionen:

  1. Sie warnen Unbeteiligte auf ernst-heitere Art und Weise vor Mitbürgern, die sich ins Smartphone vertiefen
  2. Die Schilder bringen womöglich auch die Smombies selbst, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen

Dazu musste er nicht erst ein ganzes Verkehrsschild in den Boden einlassen, sondern nutzte bereits vorhandenes Stadtmobiliar als Befestigung.

Womit RESORTI Städten und Kommunen außerdem beim Schutz von Passanten helfen kann

Warnschild vor Smombies von RESORTI

Um Unfälle von Fußgängern so oft wie möglich vermeiden zu helfen, können Städte die Bereiche von

  • Shopping-Straßen,
  • Fußgängerzonen oder auch
  • Radwegen

durch spezielle Trenn- und Absperrelemente schützen.  Zum Beispiel können Passanten durch das Aufstellen von Absperrpfosten und Geländern verlässlich abgeschirmt werden. Das Befahren der abgesperrten Zonen ist dann nicht mehr oder nur noch autorisiertem Autoverkehr, der besondere Vorsicht walten lassen muss, gestattet.

Wenn Sie als Städteplaner oder in anderer Funktion Fragen zu Stadtmobiliar von RESORTI haben, lassen Sie es uns gerne wissen! Verfassen Sie einen Kommentar zu diesem Beitrag, schreiben Sie uns eine Email oder rufen Sie uns an, unter 02541 97 14 60!

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Interview mit Kommunikationsforscher Prof. Dr. Höflich von der Uni Erfurt zum Phänomen Smombies

Prof. Dr. Joachim Höflich. Foto: Universität Erfurt

Prof. Dr. Joachim Höflich. Foto: Universität Erfurt

Er gilt als Pionier der Handyforschung: Prof. Dr. Joachim Höflich beschäftigt sich seit Jahren mit der Integration von Medien im Öffentlichen Raum. Das Handy ist dabei ein immer wiederkehrender Forschungsschwerpunkt.

„Multi-Tasking ist ein Mythos“

RESORTI: Prof. Dr. Höflich, heutzutage geht kaum ein Mensch noch ohne sein Handy aus dem Haus. Liegt das daran, dass heutzutage jeder ständig verfügbar sein muss?

Das Mitsichführen und Benutzen von Mobiltelefonen ist zunächst etwas ganz Normales. Menschen tragen das Private hinein in die Öffentlichkeit, und dabei werden die Möglichkeiten der Medien immer umfassender.

Dabei versuchen sie jedoch in erster Linie Distanz zu schaffen, zu der sie umgebenden Nähe. Die Menschen wollen über ihre Kommunikationspartner selbst bestimmen, und jene erreichen sie vorwiegend über die Nutzung von Messengern wie „WhatsApp“ – zu der Person in der Bahn neben sich halten sie Abstand.

Jemand bildet also eine kommunikative Insel, auf die er sich zurückziehen kann, und isoliert sich damit von anderen.  Diese Art Individualisierung hat es allerdings schon immer gegeben.

RESORTI: Vor 10 Jahren telefonierten Fußgänger auch schon mit ihrem Handy auf der Straße, es gab dem Vernehmen nach jedoch weniger Unfälle dadurch als heute. Entzieht uns die neueste Generation der Smartphones größere Teile unserer Aufmerksamkeit?

Zunächst hat der Mensch lediglich eine Aufmerksamkeit, die auch nicht teilbar ist. Multi-Tasking ist ein Mythos. Smartphone-Nutzer wenden sich entweder ihren räumlich entfernten Dialogpartnern zu oder physisch Anwesenden. Jedoch nicht beiden: entweder wird der eine vernachlässigt oder der andere.

Das Smartphone ist darüber hinaus ein Universalcomputer geworden. Die Leute telefonieren damit tatsächlich weniger als früher, ihre Kommunikation erfolgt überwiegend leise, sprich: man liest oder schreibt. Dem kommt entgegen, dass das Handy ein Rundum-Medium geworden ist, das immer mehr Möglichkeiten zum Rückzug bietet.

RESORTI: Ist das Smartphone vorläufig erst einmal der Gipfel in der Computerisierung des Menschen?

Es gibt immer wieder neue Geräte, die verschieden Tribut fordern und Nutzen bringen. Möglich, dass die Geräte in Zukunft noch enger an den Körper rücken– wie zum Beispiel multifunktionale Uhren wie die Apple Watch.

An ganz anderer Körperstelle wird ebenfalls gearbeitet: Wenn sich eine Datenbrille in Deutschland durchsetzen würde, dürfte dies zu neuen Möglichkeiten, aber auch zu neuem Unwohlsein führen. Eine Brille, die in der Öffentlichkeit innerhalb von Sekunden den Namen des Gegenübers herausfände – das wäre spannend für die einen, jedoch bedrohlich für viele andere.

Buchtipp von RESORTI zu diesem Thema:

„Der Mensch und seine Medien“
von Joachim R. Höflich
VS Verlag für Sozialwissenschaften
248 Seiten
ISBN: 978-3-531-18682-5

Erhältlich als Taschenbuch (29,99 €) oder im PDF-Format als eBook (22,99 €) bei buch.de

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